Dr. A. Hereth 

hobe 700Besonders begabte Kinder und Jugendliche fördern - ist das wirklich notwendig? Lernen begabte Menschen nicht von selbst schneller, besser, umfangreicher als andere Personen?

Auch besonders begabte Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Förderung. Sie sind individuelle, komplexe Persönlichkeiten, die wie alle anderen Menschen auch über unterschiedliche Stärken und Schwächen verfügen. Ihr Begabungspotential kann sich nur in einer anregenden Umwelt voll entfalten. Aber auch ihre Schwächen müssen wahrgenommen, thematisiert und als zu entwickelnde Potentiale bewertet werden, damit sie keine Lernhemmnisse werden.

Damit Sie auch besonders begabte Schülerinnen und Schüler entsprechend fördern können, beinhaltet dieses Informations- und Fortbildungsportal psychologische, pädagogische und didaktische Informationen und Materialien aus dem Themenfeld hochbegabte bzw. besonders begabte Kinder und Jugendliche. Begabtenförderung wird dabei als Förderung begabter Kinder verstanden, die besondere Entwicklungspotentiale haben in Hinblick auf das Erbringen anspruchsvoller und als wertvoll anerkannter Leistungen (vgl. Friedl, 2009, 19ff.). Besonders gefördert werden sollten auch Lernende, die über spezifische Sonderbegabungen verfügen und ausschließlich in speziellen Domänen und Fachgebieten herausragende Leistungen zeigen.

Die oben beschriebenen Kinder und Jugendlichen gehören nicht immer unbedingt zu den zwei Prozent einer Kohorte, die aufgrund eines Intelligenzfaktors ab 130 als hochbegabt eingestuft werden. Es ist davon auszugehen, dass etwa zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler an Gymnasien und Realschulen, z.T. auch in den beruflichen (Ober-) Schulen und den M-Zweigen der Mittelschulen überdurchschnittlich hohe Entwicklungspotentiale haben und besonders gefördert werden sollten.

Begabten- bzw. begabungsförderndes Handeln erfordert eine reflektierte Haltung, ein domänenspezifisches Wissen und eine die Bedürfnisse besonders Begabter berücksichtigende Methodik. Deshalb nehmen die Portalinhalte diese drei relevanten Ebenen in den Blick, die beachtet werden müssen, damit Lehrende im Schulalltag kompetent handeln können:

1. Die Haltung der Lehrkraft

Die eigene Haltung in Hinblick auf das Themenfeld "Hochbegabten- bzw. Begabtenförderung" sollte eine Lehrkraft reflektieren und sich auch mit deren Genese auseinandersetzen. Dabei können Reflexionsübungen helfen, in denen z.B. die persönlichen Wertorientierungen fokussiert werden.

Intensiver als auf diesem Portal können Sie Ihre Haltung in Präsenzveranstaltungen z.B. zum Thema "Hochbegabung, besondere Begabung" oder "Klassenführung" reflektieren. An der ALP werden dazu regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen angeboten.

Wenn Lehrkräfte ihre Handlungskompetenz erweitern wollen, um (Hoch-) Begabte optimal zu fördern, sollten sie immer ihre Wertorientierungen bzw. Einstellungen zu diesem Thema reflektieren. Der Erwerb von Wissen und die Erweiterung der Methodenkompetenz allein genügt nicht. Der stärkste Prädiktor, um Schulleistungen von Heranwachsenden vorherzusagen, sind die Erwartungen ihrer Eltern und Lehrkräfte. Auch deshalb ist es sehr wichtig, sich der persönlichen Einstellungen, Wertorientierungen und Haltungen bewusst zu sein. Diese beeinflussen - neben weiteren Faktoren - auch die Erwartungen einer Person. Bei den psychologischen Handlungstheorien nimmt die Gruppe der Wert x Erwartungstheorien eine zentrale Stelle ein. Handlungstheorien ermöglichen, die Stärke von Handlungsmotivationen zu erklären oder vorherzusagen. Festgestellt werden kann, dass persönliche Wertorientierungen und Erwartungen in hohem Maße auch das tägliche Handeln im Schulalltag beeinflussen.

 

2. Evidenzbasiertes Wissen über Hochbegabung bzw. besondere Begabung

Damit Sensibilität und Wissen vorhanden sind, um Hochbegabte bzw. besonders Begabte fördern zu können, sollte das wichtigste empirisch abgesicherte Wissen zum Thema bekannt sein und berücksichtigt werden. Grundsätzlich gilt, dass es die Persönlichkeit "des oder der typischen Hochbegabten" nicht gibt. Das Merkmal "hochbegabt" bzw. "besonders begabt" ist ebenso zu bewerten wie etwa das Merkmal "besonders lange und/oder trainierte Beine haben". So wie Menschen mit solchen Beinen ganz unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale haben, finden sich auch bei den Hochbegabten bzw. besonders Begabten z.B. solche, die eher extrovertiert oder introvertiert, sportlich oder unsportlich sind, bevozugt empathisch oder eher selbstaktualisierend agieren, evtl. eine hoch oder niedrig ausgeprägte Anstrengungsvermeidungsmotivation haben, psychische Beeinträchtigungen haben oder nicht. Z.B. gibt es Teilleistungsstörungen - wie etwa Legasthenie - oder Entwicklungsstörungen - oder das Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Defizitsyndrom (ADHS) - auch bei (Hoch-) Begabten, bei diesen aber seltener als bei normal Begabten, denn ein (besonders) hoher Intelligenzfaktor stellt eine Ressource und einen Resilienzfaktor dar. Intellektuell niedrig begabte Kinder reagieren auch häufiger dysfunktional als dies hochbegabte Kinder tun.

 

3. Förder- und Unterrichtsmethoden

Die Unterrichtsdidaktik, welche für sich in Anspruch nehmen kann, den Bedürfnissen von Hochbegabten bzw. (besonders) Begabten optimal zu entsprechen, gibt es nicht. Ebenso wenig existieren Fördermethoden über den Unterricht hinaus, von denen alle (Hoch-) Begabten in gleicher Weise profitieren würden. Jedes Individuum innerhalb der Gruppe "Hochbegabte" / "(besonders) Begabte" hat seine eigene Persönlichkeit, "das hochbegabte Mädchen" oder "den besonders begabten Jungen" in einer prototypischen Form gibt es (glücklicherweise) nicht. Gleichwohl können bewährte Förder- und Unterrichtsmethoden empfohlen werden. Die vorgestellten Methoden sind als Angebot zu verstehen, aus dem für den jeweiligen Heranwachsenden - und (je nach Alter) in Abstimmung mit dessen Eltern und mit ihm selbst - ein individueller Förderplan entwickelt werden kann. Die dargestellten Methoden gilt es zu reflektieren, zu bewerten und zu diskutieren, auch auf Grundlage der eigenen Erfahrungen im Unterricht und über diesen hinaus. Bei einigen Förder- bzw. Unterrichtsmethoden, müssen auch die schulorganisatorischen Bedingungen in den Blick genommen und evtl. modifiziert werden. Dies kann nur im Team gelingen und wird manchmal auch Schulentwicklungsprozesse erfordern.

 

Auf diesem Portal der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung finden Sie Informationen zum Thema „Besonders Begabte finden und fördern“. Darüber hinaus können bayerische Lehrkräfte Fortbildungszertifikate - ein „Basiszertifikat“ bzw. ein „Expertenzertifikat“ - erwerben und sich in einer Projektgruppe engagieren (siehe unter „Fortbildung“). Wenn Sie  z.B. im Rahmen einer Schulinternen Lehrerfortbildung oder einer Fachsitzung ihr Wissen über Hochbegabung / (besondere) Begabung weitergeben möchten, können Sie - neben allen anderen Portalinhalten folgende Präsentationen verwenden. Außer der Präsentation von Prof. Dr. Macha werden die Vorträge auf dem Portal vertont bzw. verfilmt zur Verfügung gestellt:

  • Spezielle Probleme besonders begabter Schüler (von U. Becker)
  • Nomination von Schülerinnen und Schülern für Begabtenfördermaßnahmen (von Dr. R. Grassinger)
  • Von der Elternarbeit zur Erziehungs- und Bildungspartnerschaft (von Prof. Dr. W. Sacher)
  • Überspringen – von der dritten Klasse Grundschule in die fünfte Klasse Gymnasium (von U. Becker & U. Röthlingshöfer)
  • Besonders Begabte geschlechtersensibel fördern (von Prof. Dr. H. Macha)
  • Individuelle Förderung - Utopie und Wirklichkeit (von Prof. Dr. W. Sacher)
  • Individuelle Diagnose als Voraussetzung individueller Förderung (von Prof. Dr. W. Sacher)
  • Rahmenbedingungen für Förderdiagnose und individuelle Förderung (von Prof. Dr. W. Sacher)
  • Strategien für individuelle Förderung und Förderdiagnose (von Prof. Dr. W. Sacher)
  • Grenzen des Förderns (von Prof. Dr. W. Sacher)
  • Wege zur Hochschule (von B. Lux)

Hinweise zur Strukturierung und Organisation von Fortbildungsveranstaltungen sowie interaktive Materialien zur freien Nutzung finden Sie ebenfalls unter Materialien.

 

Weiterführendes Material

  • Beschluss der Kultusministerkonferenz (2015) Förderstrategie für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler pdf
  • Friedl, S. et al. (2009) Professionelle Begabtenförderung. Empfehlungen zur Qualifizierung von Fachkräften in der Begabtenförderung. International Panel of Experts for Gifted Education (= IPEGE ) pdf
  • ISB-Handreichung "Besondere Begabungen an bayerischen Grundschulen finden und fördern", Baustein 1 "Legitimation und Sensibilisierung" pdf
  • Ulbricht, H. (2014) Besondere Begabungen - Hochbegabung; Modelle, Beobachtungen, Statistiken, Diagnostik pdf