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C. Günther, A. Jahreiß

Bausteine einer begabungsorientierten Schul- und Unterrichtsentwicklung an Grundschulen

 

Schul- und Unterrichtsentwicklung ist ein Prozess, bei dem alle Beteiligten auf der Basis eines gemeinsam erarbeiteten Leitbildes und daran entwickelter Ziele bestimmte Strukturen ihrer Schule reflektieren und gegebenenfalls verändern, um die Qualität der Schule und des Unterrichts zu sichern und zu steigern (in Anlehnung an: Heimberger & Schneider 2016).

Die Förderung aller Kinder sollte ein zentrales Anliegen von Schule und Unterricht sein. Der ganzheitliche Ansatz von Weigand (2014) zur „personorientierten Begabungsförderung“ liefert dabei ein tragfähiges Konzept. In diesem werden die Lernenden als „Autoren“ ihrer Bildung gesehen, für welche sie immer mehr Verantwortung übernehmen. Zur Unterstützung dieses Prozesses bietet es sich an, Reflexion und Rückmeldung in eine begabungsorientierte Schul- und Unterrichtsentwicklung zu integrieren.

 

Reflexion und Rückmeldung

In der aktuellen Rückmeldeforschung unterscheidet man nach Harks u.a. (2014) zwei Formen: Die kompetenzbezogene Rückmeldung basiert auf Stufenmodellen, wie sie z.B. in Orientierungs- und Vergleichsarbeiten (vgl. dazu Lankes u.a. 2015) zum Einsatz kommen. Bei der lösungsprozessbezogenen Rückmeldung stehen dagegen Stärken-Schwächen-Strategie-Profile im Vordergrund. Studien beweisen, dass diese einen besonders großen Einfluss auf Leistung und Motivation nehmen können, vor allem auch bei leistungsstarken bzw. potentiell besonders leistungsfähigen Schülern.

Wesentliche Bestandteile einer effektiven Reflexion und Rückmeldung (vgl. dazu ISB & StMBW 2018) sind im Vorfeld aufgestellte Kriterien zu Arbeitshaltung, Sozialverhalten sowie zur kognitiven Durchdringung und damit zur inhaltlichen Auseinandersetzung. Sie unterstützen nicht zuletzt aufgrund von Differenzierung und Transparenz eine personorientierte Förderung und Weiterentwicklung im Kontext lösungsprozessbezogener Rückmeldungen. In diesem Beitrag wird der Fokus ausschließlich auf inhaltsbezogene Kriterien bei der Rückmeldung an Schülerinnen und Schüler gelegt.

 

Reflexion und Rückmeldung als Motor der Schul- und Unterrichtskultur

Abbildung 1 veranschaulicht, wie Reflexion und Rückmeldung als Motor der Schul- und Unterrichtskultur fungieren können. Beide Elemente haben eine zentrale Position und stehen über die Kriterien Arbeitsverhalten, Sozialverhalten und fachliche Inhalte in einem engen Zusammenhang. Reflexion bedeutet Nachdenken über Prozess und Ergebnis der persönlichen Arbeit bzw. der Arbeit anderer und muss der Rückmeldung vorausgehen. Bei dieser können Selbst- und Fremdeinschätzung in Beziehung gesetzt und durch konstruktive Tipps und Hinweise ergänzt werden. Personbezogene Rückmeldung beruht auf Dialog in einer wertschätzenden Atmosphäre.

Kommunikations- und Kooperationspartner können dabei alle Mitglieder der Schulfamilie (z.B. Schulleitung, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Sachaufwandsträger, externe Partner, Hausmeister / Reinigungspersonal / Verwaltungsangestellte, Schulpsychologen, Beratungslehrkräfte, Förderlehrkräfte, Lehrkräfte des Mobilen Sonderpädagogische Dienstes) in wechselnder Zusammensetzung sein.

Die auf Unterrichtsebene gesetzten Eckpfeiler Förderung, Wertschätzung und Kooperation finden sich auf Schulebene wieder. Sie können im leitbildorientierten Schulprofil verankert sein, denn sie bedingen das harmonische Zusammenspiel aller Beteiligten und erzeugen Aktualität, Dynamik und stetige Weiterentwicklung.

 

Schritte der Implementierung im Schul- und Unterrichtsentwicklungsprozess

Aufgabe der Schulleitung ist es, Impulse für die Schul- und Unterrichtsentwicklung zu setzen und den initiierten Prozess zu unterstützen und zu begleiten. Anhaltspunkte dafür können beispielsweise Ergebnisse von externen oder internen Evaluationen sein. Bewährt hat sich dabei die Unterstützung durch Mitglieder der Steuergruppe / Schulentwicklungsgruppe.

Exemplarisch für die Etablierung inhaltlicher Kriterien bei der Rückmeldung an Schülerinnen und Schüler zum Aufbau einer entsprechenden Reflexions- und Rückmeldekultur wird folgender Ablauf skizziert:

  1. Schritt: Konferenz / Kollegium

Intention der Konferenz ist es, das Kollegium zu sensibilisieren und zu befähigen, neben der Rückmeldung zum Arbeits- und Sozialverhalten besonders auch eine Rückmeldung hinsichtlich der Auseinandersetzung mit den Unterrichtsinhalten zu geben. So können im Sinne einer personorientierten Begabungsförderung alle Schülerinnen und Schüler umfassender erreicht werden bzw. deren kognitives Leistungspotential differenzierter erfasst, gefordert und gefördert werden.

Zentraler Bestandteil dieser Konferenz ist die Arbeitsauftrag für Lehrkäfte in der Konferenz, die sich aufgabengeleitet mit der Thematik auseinandersetzen.  Mögliche Ergebnisse der Konferenz werden schriftlich fixiert.   

  1. Schritt: Erprobung im Unterricht

Der Katalog an gefundenen, allgemeingültigen inhaltlichen Kriterien sowie Fördertipps wird von Lehrkräften in Jahrgangsstufe 1/2 bzw. 3/4 anhand desselben Ausgangsmaterials sowie eines identischen Rückmeldebogen erprobt.  Nach dem Vier-Augen-Prinzip wird dabei auf die Lesson Study Methode zurückgegriffen. Mit ihr kann das Lernverhalten und der Lernprozess einzelner Schülerinnen und Schüler im Unterricht kriterienorientiert beobachtet und im Nachhinein unter den im Unterricht anwesenden Lehrkräften reflektiert werden. Die eingesetzten Unterrichtsmaterialien lassen sich anschließend optimieren. In Folge wird die Erprobung mit anderen Materialien, Methoden oder Ergebnisprodukten (z.B. Portfolio, Plakat, Lapbook) abgesichert, vertieft und erweitert.

  1. Schritt: Konferenz / Kollegium: reflexive Rückmeldung zum Testlauf

Einzelne Jahrgangsstufenteams stellen ihre Ergebnisse im Sinne einer Chancen-Schwächen-Analyse vor (z.B. besonders geeignete Themen, Methoden, Materialien, Fördereffekte). Ziel ist es, dass Lehrkräfte Reflexion und Rückmeldung – vor allem im Hinblick auf die inhaltliche Auseinandersetzung – als Prinzip in ihren Unterricht etablieren. Auf diese Weise reflektieren und kommunizieren Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zunehmend kriteriengeleitet über das inhaltliche Ergebnis ihrer eigenen Arbeit und die der anderen.

  1. Schritt: Synergieeffekte im Schulalltag nutzen und pflegen

Rückt das Prinzip von kriterienorientierter Reflexion und Rückmeldung stärker ins Bewusstsein, kann die Strahlkraft eine Dynamik für die gesamte Schulfamilie erzeugen. Basis einer gelingenden Kommunikation ist neben einer wertschätzenden Haltung vor allem die Selbstreflexion und die Rückmeldung anhand inhaltlicher Kriterien. Darüber hinaus nimmt die Qualität der Kommunikation und Kooperationen der unterschiedlichsten Mitglieder der Schulfamilie zu, da diese zielgerichteter und damit effektiver im Hinblick auf die Förderung von Schülerinnen und Schülern ablaufen kann: Für die Lernenden wird es selbstverständlich, über Arbeits- und Entwicklungsprozesse zu reflektieren und mit Förderhinweisen umzugehen. Dadurch haben sie einen gewinnbringenderen Zugang zu Fördersystemen, um Herausforderungen anzunehmen und zu bewältigen.

 

Ausblick

Schul- und Unterrichtsentwicklung ist ein Prozess. Deshalb müssen in regelmäßigen Abständen immer wieder Lehrkräfte, Schulleitung und weitere Mitglieder der Schulfamilie über die etablierte Rückmeldekultur reflektieren und diese gegebenenfalls optimieren oder ändern. Darüber hinaus ist denkbar, die Rückmeldung der Schülerinnen und Schüler zum Unterricht der Lehrkräfte stärker in die Unterrichtsentwicklung einzubinden. Aufgabe der Schulleitung ist es dabei stets, geeignete Plattformen und Räume (z.B. pädagogische Konferenzen, kollegiale Hospitationen, schulinterne Fortbildungen, Austausch mit externen Partnern, Etablieren von Kooperationsstrukturen im Kollegium, ...) zu schaffen.

 

Literatur

Assmann, Konstanze (32014): Methodenprofi. Kooperatives Lernen. Oberursel.

Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst u.a. (Hrsg., 2014): Gemeinsam Verantwortung tragen. Bayerische Leitlinien für die Bildung und Erziehung von Kindern bis zum Ende der Grundschulzeit. München.

Dudley, Peter (2014): Lesson Study: a handbook. Early Years Edition edited by Jean Lang. Cambridge.

Dudley, Peter (2013): Lesson Study: a handbook. Cambridge.

Dudley, Peter (2015): Lesson Study: ein Handbuch. Übersetzt und redigiert von Erwin-Maria Gierlinger und Thomas Wagner, Terminologie angepasst von Christoph Weber. Linz.

Eis, Patrik (2017a): Das Eichhörnchen. 10 Erzählkarten für naturbegeisterte Kinder. (= Erzähltheater, Kamishibai, Hase-und-Igel-Verlag). München.

Eis, Patrik (2017b): Der Igel. 10 Erzählkarten für naturbegeisterte Kinder. (= Erzähltheater, Kamishibai, Hase-und-Igel-Verlag). München.

Harks, Birgit u.a. (2014): Indirekte und moderierte Effekte von schriftlicher Rückmeldung auf Leistung und Motivation. In: Ditton, Hartmut & Andreas Müller (Hrsg., 2014): Feedback und Rückmeldungen. Theoretische Grundlagen, empirische Befunde, praktische Anwendungsfelder. Münster, S. 163-194.

Heimberger, Astrid & Franz Schneider (2016): Zielvereinbarung nach der externen Evaluation. Vortrag im Rahmen eines Fortbildungskurses für Schulleiter am 17.11.2016 an der Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen). Dillingen.

ISB & STMBW (Hrsg., 2018): LehrplanPLUS Grundschule etabliert eine Feedback-Kultur – doch wie sieht gutes Feedback aus? In: Newsletter zum LehrplanPLUS 1 (2018), S. 1-2.

Knoblauch, Roland (2014): Lesson Study – eine Form kooperativer und evidenzbasierter Unterrichtsreflexion. In: Praxisberichte. (siehe Links)

Lankes, Eva-Maria u.a. (2015): VERA in Bayern. Ein Instrument der Schul- und Unterrichtsentwicklung. (= Leitfaden Grundschule, herausgegeben vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, Qualitätsagentur). München.

Weigand, Gabriele u.a. (2014): Personorientierte Begabungsförderung. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Weinheim.

Links

http://lessonstudy.co.uk/  

(letzter Aufruf: 18.03.18) 

http://www.ph-kaernten.ac.at/organisation/institute-zentren/6/aufgabenfelder/lesson-studies/  

(letzter Aufruf: 18.03.18) 

https://www.lernensichtbarmachen.ch/2014/11/lesson-study-eine-form-kooperativer-und-evidenzbasierter-unterrichtsreflexion/