Drucken

Dr. Helga Ulbricht 

lupe 28

Fördermöglichkeiten in der Grundschule

Keine andere Schulart beherbergt so viel Heterogenität wie die Grundschule, die von fast allen Kindern einer Jahrgangstufe besucht wird. Die Entwicklungen der letzten Jahre mit dem gesellschaftlichen Auftrag zur Inklusion, dem pädagogisch entwickelten Modell der Flexiklassen und weiteren innovativen Projekten zeigen das breite Spektrum der Grundschule als Antwort auf die Heterogenität ihrer Schülerinnen und Schüler.

 

1. Der LehrplanPlus der Grundschule

So gesehen sind auch die besonders Begabten Teil der „bunten Mischung“ aus Kindern, die sich selbstverständlich hinsichtlich „Alter, Geschlecht, Stärken und Interessen, Lern- und Entwicklungstempo, spezifischem Lern- und Unterstützungsbedarf sowie ihren kulturellen oder sozioökonomischen Hintergrund“ unterscheiden (LehrplanPlus, Kap.3). Daher formuliert der LehrplanPlus der Grundschule als Leitgedanken „Eine an den individuellen Bedürfnissen ausgerichtete Bildungsbegleitung“. Lehrer haben dabei die „Steuerungsverantwortung“.

Grundsatzüberlegungen zum Lernprozess und zur Individualisierung

Die Kompetenzorientierung stellt einen wichtigen Leitgedanken dar, der Inhalte und Didaktik nachhaltig bestimmt.

„Die Schülerinnen und Schüler erweitern ihre Kenntnisse und Handlungsmöglichkeiten auf der Basis ihrer bisherigen Lebens- und Lernerfahrungen ... . Sie knüpfen an ihre Kompetenzen, Vorkenntnisse und Interessen an, erweitern und vernetzen sie. ... Im kompetenzorientierten Unterricht sind die Themen und Aufgabenstellungen so offen und vielfältig, dass alle Schülerinnen und Schüler passende und motivierende Lern- und Übungsmöglichkeiten vorfinden und Aufgabenstellungen entsprechend ihrem jeweiligen Leistungsniveau bearbeiten können.

Unterschiedliche Begabungen werden als Chance für individuelles Lernen berücksichtigt.

„... Schülerinnen und Schüler mit besonderen Begabungen werden durch ausgewählte Aufgabenstellungen im Rahmen ihrer Klassengemeinschaft gefördert und gefordert.“

 

Konkrete Anregungen im LehrplanPlus

Die fachliche und didaktische Umsetzung nennt viele Beispiele, die sich aus den Merkmalen des „guten Unterrichts“  ableiten lassen. Die Schulbuchverlage bieten zahlreiche Unterrichtsmaterialien dazu an. Allerdings sind die Lehrkräfte auch selbst gefragt, Angebote zu entwickeln, die diesen Merkmalen gerecht werden.

1. Beispiel: Deutsch – Lesen
Kompetenzerwartungen und Inhalte
Die Schülerinnen und Schüler ... erstellen und halten kurze Vorträge zu entwicklungsgemäßen, persönlich bedeutsamen Themen und Leseerlebnissen.

Der Spielraum in der Wahl des Themas, der Vertiefung, der Ausgestaltung und der Darstellung ist (fast) unbegrenzt. Hier können Schülerinnen und Schüler über kleine Geschichten oder ganze Bücher referieren. Die Aufgabenstellung sollte – wie im Lehrplan empfohlen – ausgewählt und dem jeweiligen Leistungsniveau angepasst werden.

2. Beispiel: Deutsch – Texte planen und schreiben
Kompetenzerwartungen und Inhalte
Die Schülerinnen und Schüler ... schreiben eigene kreative Texte, indem sie kindgerechte literarische Formen und Textmuster variieren (z. B. Gedichte, literarische Kleinformen).

Analog zum Lernbereich Lesen gilt auch hier, dass die Auswahl dem jeweiligen Leistungsniveau angepasst werden kann.

3. Beispiel: Mathematik – Sachsituationen und Mathematik in Beziehung setzen
Kompetenzerwartungen und Inhalte
Die Schülerinnen und Schüler ... erweitern und verkürzen Sachsituationen, um Zusammenhänge zu erfassen und zu erklären, und beschaffen sich ggf. geeignete, noch fehlende Informationen.

Vor dem Hintergrund dieser Kompetenzerwartung lässt sich aus „jeder Lebenssituation“ eine Sachaufgabe ableiten. Mathematisch begabte Schülerinnen und Schüler entwickeln mit großer Freude Sachgeschichten für sich und die Mitschüler.

Auszüge aus dem LehrplanPLUS, die im Hinblick auf die Förderung besonders Begabeter relevant sind, finden Sie hier pdf

 

2. Vorzeitige Einschulung, Flexiklassen und Überspringen einer Jahrgangsstufe

Die Grundschule bietet besonders begabten Schülerinnen und Schülern mehrere, inzwischen gut erprobte Möglichkeiten, die Schullaufbahn zu verkürzen. Vorausgesetzt sind deutliche Entwicklungsvorsprünge, hohe Motivation und überdurchschnittliche Belastbarkeit. Sinnvoll ist immer ein begleitender Beratungsprozess durch Beratungsfachkräfte an den Grundschulen oder Staatlichen Schulberatungsstellen.

a) Vorzeitige Einschulung
Kinder, die nach dem 31.10. geboren sind können auf Wunsch der Eltern, Kinder, die nach dem 31.12. geboren sind ebenfalls auf Wunsch der Eltern, aber mit schulpsychologischem Gutachten, vorzeitig eingeschult werden. Dadurch können Übertritt und spätere Schulabschlüsse bezogen auf das Altern des Kindes früher erreicht werden.  

b) Flexiklassen
Schülerinnen und Schüler der Flexiblen Grundschulklassen können entsprechend ihrer Sozial- und Lernentwicklung die Jahrgangsstufen 1 und 2 in einem, zwei oder drei Schulbesuchsjahren durchlaufen. Zum Ende des ersten Schulbesuchsjahres kann entschieden werden, ob eine Schülerin oder ein Schüler - abweichend von der Regel eines zweijährigen Besuchs der Eingangsstufe - diese in einem Jahr durchlaufen soll.
Hier kann also die Schullaufbahn um ein Jahr verkürzt werden ohne vollständig die Klassengemeinschaft zu verlassen, da ja ein Teil der Klasse ebenfalls in die 3. Jahrgangsstufe wechselt. Alternativ können (teil-)begabte Kinder in Bereichen, in denen sie über ein besonders umfangreiches Wissen verfügen, bereits die Inhalte der 2. Jgst bearbeiten, ohne die Klassengemeinschaft zu verlassen. Die Vorteile beider Modelle für die sozial-emotionale Entwicklung liegen auf der Hand.
Dieses Angebot gibt es aber nur an einigen Grundschulen in Bayernpdf  . Auskunft erteilen die jeweiligen Schulämter, weitere Informationen finden Sie unter 

http://www.km.bayern.de/allgemein/meldung/3570/37-neue-flexible-grundschulen-bekamen-ihre-urkunden.html

c) Überspringen einer Jahrgangsstufe
Diese Form der Akzeleration wird auf der Grundlage der GrSO, § 41, Abs.2. an allen Grund-schulen angeboten. Die Kinder überspringen zum Halbjahr oder zum Schuljahresende eine Jahrgangsstufe. Sie erleben die neue Jahrgangsstufe und die neue Klassengemeinschaft als große Herausforderung. Nach einer Übergangsphase müssen sie als reguläre Schüler den Leistungsanforderungen der neuen Jahrgangsstufe entsprechen. Daher ist diese Maßnahme nur für Kinder geeignet, die hoch motiviert sind, ein gutes Durchhaltevermögen besitzen und in mehreren Bereichen bereits über ein umfangreiches Vorauswissen verfügen. Die Beratungsangebote der Schule bzw. der Schulberatung sollten in jedem Fall genutzt werden. pdf  und pdf

 

3. Bilinguale Schulen (Deutsch / Englisch)

Die bilinguale (staatliche) Grundschule ist in erster Linie eine Antwort auf die erhöhte Nachfrage der Eltern nach Fremdsprachenangeboten bereits ab der Einschulung. Sie stellt gleichzeitig eine sinnvolle Bereicherung für sprachlich besonders begabte Kinder dar.
In den musischen Fächern wird der Unterricht auf Englisch gehalten. Die Lehrkräfte sind zusätzlich qualifiziert. Für die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler gibt es keine Voraussetzungen. Da sich das Angebot bisher auf wenige Schulen beschränkt (z.Zt. 21 GS in Bayern), sind Gastschulanträge möglich. pdf (Dokumentation des Schulversuchs)
Angebote zu weiteren Fremdsprachen (italienisch, französisch) gibt es bisher nur bei staatlich genehmigten, privaten Schulträgern. Weitere Informationen finden Sie hier: 

http://www.km.bayern.de/allgemein/meldung/3638/bilingualer-unterricht-hilft-bei-nachhaltigem-sprachenlernen.html

 

4. Arbeitsgemeinschaften

§ 27 GrSO sieht neben der regulären Klassen- und Gruppenbildung auch die Einrichtung von Arbeitsgemeinschaften vor. „Arbeitsgemeinschaften und Fördermaßnahmen können klassen- und jahrgangsstufenübergreifend und auch nur für Teile des Schuljahres eingerichtet werden.“ Hier sind der Lehrerkonferenz als Entscheidungsträger thematisch keine Grenzen gesetzt. Für begabte Kinder haben einige Grundschulen z.B. Mathe-Plus-AGs, Forscher-AGs, Schreibwerkstätten, usw. eingerichtet.
Es gibt keine grundsätzliche Klassen- oder Altersbeschränkung, so dass mathematisch begabte Erstklässler z.B. auch an der Mathe-Plus-AG teilnehmen können, wenn hier hauptsächlich Drittklässler mitmachen.

 

5. Teilnahme an Wettbewerben

Besonders begabte Schülerinnen und Schüler verfügen oft in ausgewählten Bereichen über ein umfangreiches Spezialwissen. Nicht immer gibt es genügend Raum und Zeit, dieses Wissen im Unterricht einzusetzen.
Daher ist es für sie sehr reizvoll, an Wettbewerben teilzunehmen und sich mit ähnlich inte-ressierten Kindern zu messen. Das fördert die Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Themen, motiviert zu weiteren Recherchen und erhöht das Bewusstsein für die Selbstwirksamkeit.
Lehrkräfte können über die Angebote informieren, bei der Anmeldung behilflich sein und die Teilnahme begleiten.
Die Angebotspalette reicht von Schülerwettbewerben

Darüber hinaus werden weitere Wettbewerbe, z.B. Lesewettbewerbe, auch von den Schulen selbst organisiert.

siehe auch unter "Wettbewerbe"

 

Weiteres Material: