Dr. Stefan Seiler

 

Zu (1) und (5) wurde bereits Stellung bezogen. Im Folgenden soll daher darauf fokussiert werden, welche Schlussfolgerungen für den schulischen Alltag folgen und welche Strategien entwickelt werden könnten, damit Margarita, Hannes, Michael und Rüdiger kompensatorische biographische Erfahrungen machen können, die ihnen eine Verhaltensveränderungen ermöglichen.

Bei Rüdiger besteht der insgesamt größte Handlungsbedarf unserer Fallbeispiele, sowohl in psychotherapeutischer, als auch in erzieherischer Hinsicht. Als „underachiever“ (vgl. Abschnitt Basiswissen/Psychologisch/underachiever) hat er ein Bewußtsein dafür, was er leisten könnte, weiß jedoch nicht, wie er dies schulisch umsetzen könnte. Es bleibt ihm daher nur der Abwärtsvergleich mit einer antisozialen Peergruppe, der er sich zuwendet. Hier sucht er nach Profilierung, was ihm mit seinen intellektuellen Fähigkeiten schnell gelingt. Um diesen Prozess zu stoppen würde Rüdiger Bezugspersonen und positive Modelle außerhalb der Familie benötigen, die ihm Halt, Sicherheit und moralische Unterstützung bieten. Es gibt viele gelungene Beispiele, wo dies Lehrkräften in hohem Engagement gelungen ist, wie u. a. auch die Kauai-Studie zu Resilienz aufgezeigt hat (Werner & Smith, 1992), auch wenn dies das „normale“ Maß an schulischer Betreuung übersteigt. Rüdiger benötigt Abstand von der eigenen Familie und Loslösung aus einer Bindung, die ihn zu sehr vereinnahmt, sodass er sich nicht auf seine Entwicklung konzentrieren kann. Er würde davon profitieren, wenn Schule frühzeitig, bevor er seinen „Abstieg“ vom Gymnasium beginnt, interveniert und versucht, ihn zu halten. Vielleicht hätte es ausgereicht, wenn er in einer Offenen Ganztagesschule oder Ganztagesklasse beschult worden wäre und damit bereits etwas mehr Abstand bekommen hätte. Integrationsmaßnahmen und Möglichkeiten zur positiven Identifikation mit der Schule, z. B. in Interessengruppen, Neigungsgruppen – gepaart mit Lehrkräften, die ihn „an die Hand nehmen“ und stärken – würden Rüdiger helfen. Von all diesen Maßnahmen profitiert Rüdiger für seine Persönlichkeitsentwicklung – unabhängig davon, ob es gelingt, seinen schulischen Abstieg zu verhindern.