Dr. Stefan Seiler

 

Die sog. frühkindlichen Regulationsstörungen (vgl. Papousek et al. 2004)  sind die frühesten Entwicklungsstörungen bzw. Störungsbilder im Lebensverlauf. Es werden drei verschiedene Regulationsstörungen unterschieden:

  1. Exzessives Schreien (vgl. Dreierregel nach Wessel, die besagt, dass exzessives Schreien dann vorliegt, wenn ein Kind mehr als 3 Stunden am Tag, mehr als 3 Tage in der Woche über mehr als 3 Wochen am Stück schreit)
  2. Fütterstörungen (Stillprobleme, Trink- und Essensverweigerung) und
  3. Schlafstörungen (fehlende Rhythmizität, Ein- und Durchschlafstörungen).

Frühkindliche Regulationsstörungen treten im Alter bis 2 Jahren auf und besitzen auch deswegen Wichtigkeit, weil sie in einem Zusammenhang mit Kindesmisshandlungen und Todesfällen bei Säuglingen und Kleinkindern stehen. Im Münchner Kinderzentrum haben sich Therapeuten und Forscher um M. Papousek in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit diesem Thema beschäftigt und Behandlungsmöglichkeiten entwickelt.

Entscheidende Faktoren sind die Entwicklung einer Rhythmizität beim Säugling/Kleinkind (Essen, Schlafen) - wie sie auch in der Temperamentsforschung fokussiert wird (vgl. Abschnitt zu dispositionellen Besonderheiten) - sowie die Fähigkeit eines Kindes zur Regulation der eigenen Erregung.

Die biopsychosoziale Dreierregel von frühkindlichen Regulationsstörungen nach Papousek (Papousek et al. 2004) besagt, dass ein Wechselwirkungsprozess zwischen den folgenden Faktoren für die Entwicklung der frühkindlichen Regulationsstörungen verantwortlich ist:

  1. Anteile auf Seiten der Säuglinge/Kleinkinder: Relevant sind hier genetische und erlernte Verhaltensfaktoren, die Einfluss auf seine Fähigkeit zur Selbstregulation und Erregungsmodulation nehmen (z. B. Übererregbarkeit, mangelnde Rhythmizität, Laktoseunverträglichkeit, Misserfolgserlebnisse, u.a.),
  2. Anteile auf Seiten der Eltern: Relevant sind hier Anteile, die zu Erziehungsverhalten führen, das für das Kind/Säugling nicht hilfreich ist, um die selbstregulatorischen Fähigkeiten zu entwickeln (z. B. Unsicherheit, Ängstlichkeit, Defizitgefühle, Ärger, Paarprobleme, u. a.) sowie
  3. Eine sich gegenseitig verstärkende Dynamik zwischen dem Kind/Säugling und den Eltern.

Gehen wir aus von einem irritierbaren Säugling (vgl. Schneider & Lindenberger, 2012, S. 170), der Unbehagen erlebt - z. B. aufgrund der Instabilität seines ZNS - und sich schwer tut, sich zu regulieren und sein Wohlbefinden wiederherzustellen. Die Folge ist, dass der Säugling sein Unbehagen zum Ausdruck bringt und beginnt, zu schreien. Für die betreuenden Eltern wiederum ist dies das Signal, dass sie sich dem Säugling zuwenden müssen in dem Versuch, ihn zu beruhigen. So könnten sie ihn z. B. auf den Arm nehmen und beruhigend auf ihn einwirken (z. B. indem sie ihn streicheln, mit ihm reden, herumgehen, sich auf einen Hüpfball setzen). Im Falle eines irritierbaren Säuglings (der ja mit der Instabilität seines ZNS kämpft) muss dies nicht unbedingt hilfreich sein, da der Säugling hierdurch ein Mehr an sensorischen Reizen erfährt und sich vielleicht noch mehr gestört fühlt. Die Folge wäre nun eine Steigerung des Schreiens oder aber wenigsten, dass der Säugling sich nicht beruhigen lässt. Für Eltern ist das frustrierend und sorgt nicht dafür, dass sie sich als wirksam erleben. Sie entwickeln nun vielleicht Hilflosigkeits- und Inkompetenzgefühle oder vielleicht sogar Ärger über den Säugling. Dies wiederum würde sich ungünstig auf die Versuche der Eltern auswirken, ihr Kind zu beruhigen, da sie vielleicht ungeduldig oder genervt reagieren, wodurch sich die Irritabilität beim Säugling verstärken würde. In der folgenden Abbildung ist die ungünstige Entwicklung als Teufelskreis verdeutlicht:

 

 

Auch wenn das Teufelskreismodell frühkindlicher Regulationsstörungen nach Papousek et al. sich auf ungünstige Interaktionsprozesse in der Säuglings- und Kleinkindzeit bezieht, lässt es sich ohne weiteres auf die Kindheit und Jugend übertragen und dient auch hier als Modell, wie ungünstige Passungsprozesse zur Entstehung von Problemen und Symptomen führen können.

Beispielhaft lässt sich ein solcher Teufelskreis auch bei einem Kind mit Lese-/Rechtschreibstörung aufzeigen. So ist es wahrscheinlich, dass ein Kind mit einer Lese-/Rechtschreibstörung im Laufe der Schulzeit zunehmend aversiv auf die Anforderung, Lesen und/oder Schreiben zu lernen, reagiert. Es könnte sein, dass das Kind Verweigerungs- oder Vermeidungsverhalten aufbaut. Wenn die Umwelt (Eltern, Lehrer) als Reaktion darauf (nur) den Druck erhöhen, z. B. indem sie schimpfen oder gezielt noch höhere Anforderungen stellen (z. B. durch häufigeres und längeres Üben), so führt dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Steigerung der Frustration beim Schüler, dessen Verweigerungs- oder Vermeidungsverhalten sich hierdurch vielleicht verstärkt. Das Umfeld wiederum weiß, dass sich die Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben so nicht bewältigen lassen…