Dr. Stefan Seiler

 

Im Metamodell wird immer wieder auf die besondere Bedeutung von Passungsprozessenim Sinne eines Fit vs. Misfit (R. Largo, 1999, S. 248ff) - verwiesen. Dieser Begriff geht auf die Entwicklungspsychologie zurück (vgl. Brandtstädter, zit. nach Montada, 2002) und bezeichnet das Zusammenwirken von unterschiedlichen Faktoren, die auf ein Kind/Jugendlichen oder Erwachsenen einwirken, wenn dieser eine Entwicklungsaufgabe zu bewältigen hat. Wenn man von solchen Wechselwirkungsprozessen in der Entwicklung ausgeht, determinieren nicht mehr  deshalb eine große Bedeutung, weil andernfalls entweder Umweltfaktoren oder dispositionelle Faktoren die Entwicklung determinieren würden. Erst durch den Begriff der Passung wird zutreffend beschrieben, dass es nicht die jeweilige Ausprägung von Umwelt- oder Dispositionsfaktoren ist, die einen Entwicklungsverlauf beeinflussen, sondern das komplexe Zusammenspiel zwischen diesen Faktoren:

Die Ausprägung einer genetischen Prädisposition (z. B. eine besondere Begabung und daraus resultierende Verhaltensweisen) kann im einen Falle von den Eltern dieses Kindes positiv bewertet werden (wenn diese sich hierüber freuen und in der Lage sind, die hieraus resultierenden Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen). Im anderen Fall kann die genetische Prädisposition der besonderen Begabung aber auch zu einem Risikofaktor werden, z. B. wenn die Eltern des Kindes sich überfordert fühlen oder weil das Verhalten des Kindes nicht mit ihren Erwartungen übereinstimmt.

In der englischsprachigen Literatur beschreibt der Begriff „Goodness of fit“ (vgl. Thomas und Chess in: Goldsmith, 1987) die Güte von Passungsprozessen. In einem Fit interagieren die Kompetenzen, Erwartungen und Anforderungen der Umwelt auf eine förderliche Art und Weise mit den Besonderheiten des Kindes. Im Gegensatz hierzu beschreibt „Poorness of fit“ die mangelnde oder schlechte Passung zwischen den dispositionellen Faktoren und den daraus resultierenden Bedürfnissen des Kindes und seiner Umwelt.

Die immer wieder diskutierte Frage, ob den Einflüssen der Umwelt oder den Einflüssen der Gene mehr Gewicht zuzuschreiben ist, ist insofern zu ersetzen durch die Frage, wie genau der Wechselwirkungsprozess zwischen diesen Faktoren beschrieben werden kann. Immer deutlicher wird, dass nicht die Umwelt- oder Dispositionsfaktoren selbst das Ergebnis determinieren, sondern die jeweiligen Passungsprozesse zwischen diesen Faktoren.

 

Beispiele für Passungsprozesse

Im Allgemeinen betrachtet bestehen Passungsprobleme immer dann, wenn Eltern nicht ausreichend in der Lage oder willens sind, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erkennen bzw. zu befriedigen. Passungsprobleme bestehen aber immer auch dann, wenn Eltern nicht die Kompetenzen mitbringen, mit Besonderheiten ihrer Kinder umzugehen oder diese Besonderheiten so ausgeprägt sind, dass sie auf Dauer zu Überforderungssituationen führen (müssen).

Über die bereits an anderer Stelle dargestellte Forschung Papousek et al. (vgl. Abschnitt zum „Teufelskreis Frühkindlicher Regulationsstörungen“) hinaus hat die Familientherapie eine Reihe von Faktoren und Prozessen beschrieben, die sich ungünstig auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken können. Die prominentesten sind:

  • Parentifizierung bezeichnet eine Situation, in der Kinder wie kleine Erwachsene aufwachsen, indem sie unangemessenen Anforderungen ausgesetzt sind und ihren eigenen Entwicklungsaufgaben und kindlichen Bedürfnisse nicht ausreichend nachkommen können

  • Triangulierung bezeichnet die familiäre Situation, in der Kinder zur Beziehungsregulation der Eltern-Beziehung herangezogen werden

  • Delegation meint, dass unerfüllte Lebensthemen bzw. Aufgaben an die eigenen Kinder weitergegeben werden

  • Loyalitätskonflikte: Gemeint sind hiermit Konflikte, die für Kinder daraus entstehen, dass sie glauben, einen Elternteil nicht lieben zu dürfen (oder dies offen zu zeigen) um den anderen nicht zu verletzen.

  • Innenzentrierung und mangelnde soziale Einbindung der Familie: Dies bezeichnet Familien, deren Fokus zu stark auf innerfamiliäre Prozesse bezogen ist und zu wenig auf die Einbindung in die Gesellschaft. Paranoide Weltbilder: Dies kann einhergehen mit Ideologien, in welchen den Kindern vermittelt wird, dass die Außenwelt feindlich gesinnt ist und dass man sich besser gegen diese abschottet. Auf jeden Fall ist die Folge, dass diese Kinder über ein eingeschränktes soziales Übungsfeld verfügen und lernen, anderen Menschen gegenüber misstrauisch zu sein.

  • Übermäßig bindende Elternteile/Familien: Dies bezeichnet Elternteile/Familien, die ihren Kindern nicht die Erlaubnis geben, sich abzulösen. Im Hintergrund steht oft eine besondere Bedürftigkeit von Eltern(teilen). Dies kann auf offene oder verdeckte Weise geschehen, kongruent oder durch sich widersprechende Botschaften (wie beim „double-bind“).

  • Ausstoßende Familien: Dies bezeichnet Familien, die ihre Kinder aus der Familie ausstoßen, oftmals nach längeren konflikthaften Phasen abrupt und mit Vorwürfen verbunden (z. B. kein gutes Kind bzw. fehlerhaft zu sein).

  • Egozentrik und mangelndes Empathievermögen von Eltern: Dies bezeichnet Eltern(teile), die sich aufgrund der eigenen Persönlichkeit nicht ausreichend in andere und in die eigenen Kinder hineinversetzen können. So können Eltern mit Persönlichkeitszügen, die stark selbstaktualisierend sind einen so starken Selbstbezug aufweisen, dass sie nur um die eigenen Bedürfnisse und das eigene Erleben kreisen.

  • Psychische Erkrankungen von Elternteilen: Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen, Traumafolgestörungen, Persönlichkeitsstörungen, o. a. bringen es mit sich, dass Kinder dieser Eltern(teile) sich stark verantwortlich fühlen können und daher nicht ausreichend um die eigene Entwicklung kümmern. Viele Symptome psychischer Krankheiten können Kindern starke Angst machen oder dazu führen, dass diese sich schämen. Psychische Krankheiten gehen oft auch einher mit spezifischen Defiziten, die dazu führen können, dass die Eltern in diesen Bereichen kein gutes Modell darstellen.

  • Körperliche oder geistige Behinderung von Familienangehörigen: Dies kann einhergehen mit starker Verantwortungsübernahme bzw. Rücksichtnahme, die dazu führt, dass eigene Anliegen und Bedürfnisse hintangestellt werden.

  • Überprotektives Verhalten: Wenn Eltern(teile) ihren Kindern zu wenig zutrauen bzw. erlauben entsteht ein Schonraum, in dem wichtige Erfahrungen nicht gemacht und wichtige Kompetenzen nicht aufgebaut werden können. Ebenso gibt es Familie, die ihren Kindern nicht den notwendigen Schutz zukommen lassen, weil sie Gefahren nicht erkennen, eruieren oder abwehren, bzw. ihre Kinder nicht auf  gefährliche oder herausfordernde Situationen vorbereiten.

  • Materielle oder existentielle Sorgen/Verschuldung: Dies kann bei Kindern nicht nur zu existentiellen Sorgen führen, sondern auch Scham auslösen, wenn sie Vergleiche in der Peer-Gruppe herstellen oder zu sozialem Ausschluss führen.

  • Traumatisierungen: Wenn Eltern(teile) traumatisiert sind (z. B. durch Gewalterlebnisse, Kriegserlebnisse) besteht die Gefahr, dass diese Traumata wiedererlebt bzw. Zustände massiver Angst/Panik erlebt werden. Erleben Kinder dies mit, besteht die Gefahr von sekundären Traumastörungen bzw. der Entwicklung von Angst- oder Anpassungsstörungen bei den Kindern.

  • Trennung/Scheidung: Dies muss nicht, kann aber zu Beeinträchtigungen bei den Kindern führen. Hintergrund sind oft die (auch nach einer erfolgten Trennung) nicht enden wollenden Konflikte zwischen den Eltern, die teilweise auch offen vor den Kindern ausgetragen werden und mit „heißen“ Emotionen, Schuldvorwürfen und Verletzungen einhergehen. Beeinträchtigungen entstehen aber auch durch häufige Kontextwechsel, mangelnde Kommunikation zwischen den Elternteilen und Loyalitätskonflikte.

  • Tod von Elternteilen: Massive Verlusterlebnisse lösen nicht nur Trauer aus, abhängig vom Alter und der Bedürftigkeit von Kindern gehen sie auch mit mehr oder weniger starker Angst einher.

  • Verwahrlosung/Vernachlässigung: wie im Beispiel „aufmerksamkeitssuchendes Verhalten“ konkret beschrieben (siehe oben).

  • Seelische und körperliche Misshandlung/Missbrauch: Gewalt gegen „Schutzbefohlene“ ist auch darum so schwerwiegend, weil die Opfer sich in einer Abhängigkeitsbeziehung befinden und sich der schädigenden Situation (die zudem oftmals über viele Jahre anhält) nicht einfach entziehen können. Normative Orientierungen und Vertrauen in die eigene Urteilskraft können verloren gehen. Wichtige Kompetenzen (z. B. Abgrenzung gegen andere) können nicht aufgebaut werden, die chronische Situation wirkt schädigend auf ganze Lebensabschnitte ein.

  • (Offene und verdeckte) Koalitionsbildungen: Wenn Elternteile im Konflikt mit dem anderen Elternteil Koalitionen mit Kindern eingehen, bedeutet dies, dass sie diese loyalitätsmäßig an sich binden. Dem Kind wird eine adäquate Auseinandersetzung mit beiden Elternteilen damit erschwert, die Loyalität kann zur ungenügenden Abgrenzung, die Abwehr des anderen Elternteils zur mangelnden Identifikation führen.

  • Familiengeheimnisse existieren oft über Generationen hinweg und bestehen in tabuisierten Ereignissen über die nicht offen gesprochen werden darf, z. B. aus Sorge um gesellschaftliche Stigmatisierung und Abwertung (z. B. uneheliche Kinder, Nazi-Vergangenheit von Familienangehörigen, Suizide, Psychische Erkrankungen, u.a.)

 

In der ICD (International Classification of Deseases) werden ebenfalls solche systemische Faktoren zusammengefasst und müssen von Diagnostikern auf der Ebene V des multiaxialen Klassifikationsschemas (vgl. Abschnitt „Kinder- und jugendpsychiatrische Störungsbilder“) erfasst werden:

  1. Abnorme intrafamiliäre Beziehungen (z. B. Mangel an Wärme, Disharmonie zwischen Erwachsenen, feindliche Ablehnung/Sündenbockzuweisung, körperliche Kindesmisshandlung)

  2. Psychische Störung, abweichendes Verhalten oder Behinderung in der Familie

  3. Inadäquate oder verzerrte intrafamiliäre Kommunikation

  4. Abnorme Erziehungsbedingungen (z. B. Elterliche Überfürsorge, Unzureichende Aufsicht, Erziehung, die eine unzureichende Erfahrung vermittelt, unangemessene Anforderungen durch die Eltern

  5. Abnorme unmittelbare Umgebung (z. B. Erziehung in einer Institution, Abweichende Elternsituation, Isolierte Familie)

  6. Akute, belastende Lebensereignisse (z. B. Verlust einer liebevollen Beziehung, Fremdunterbringung, neue Familienmitglieder, Ereignisse, die zur Herabsetzung der Selbstachtung führen, Sexueller Missbrauch außerhalb der Familie, beängstigende Ereignisse)

  7. Gesellschaftliche Belastungsfaktoren (z. B. Verfolgung oder Diskriminierung, Migration)

  8. Chronische zwischenmenschliche Belastungen im Zusammenhang mit der Schule oder Arbeit

  9. Belastende Lebensereignisse/Situationen infolge von Verhaltensstörungen/Behinderungen des Kindes