Dr. Stefan Seiler

 

Das Verständnis von Emotionen, wie es in diesem Beitrag zum Ausdruck kommt, folgt den Vorstellungen der kognitiven (Verhaltens-)Therapien. Die Diskussion um die Zusammenhänge zwischen Emotionen und Kognitionen ist weitgehend eine definitorische, in der es darum geht, unterschiedliche Aspekte beider Phänomene zu ordnen und in Relation zueinander zu bringen. Je nach Theorie wird dabei einmal die Emotion als Ursprung der Kognition, ein andermal die Kognition als Ursprung der Emotion angesehen (vgl. dazu Zajonc, 1984; Lazarus, 1984). Diese Diskussion lässt sich entschärfen, wenn man einerseits mit Kognition nicht nur bewusst ablaufende Denkprozesse meint und andererseits unter die Emotion keine Präferenzen auf dem Niveau von Vorlieben oder zeitlich überdauernden Stimmungen fasst. Stellt man auf diese Weise definitorische Einigkeit her, so besteht zwischen den Emotionstheorien ziemliche Einigkeit darüber, dass den Emotionen kognitive Prozesse vorausgehen.

Ein integratives Verständnis von Emotionen als Syndromen kommt in der Definition nach Kleinginna (1983) zum Ausdruck:

 

Eine Emotion ist ein komplexes Interaktionsgefüge subjektiver und objektiver Faktoren, das von neuronal/hormonalen Systemen vermittelt wird, die:

  • Affektive Erfahrungen (…) bewirken können;
  • Kognitive Prozesse (…) hervorrufen können;
  • Ausgedehnte physiologische Anpassungen (…) in Gang setzen können;
  • Zu Verhalten führen können (…) 

(Kleinginna & Kleinginna, zitiert nach Euler & Mandl, 1983, S. 7)

Unterschieden werden also vier Komponenten, die sich bei allen Emotionen wiederfinden lassen sollten. Die Unterscheidung dieser Komponenten erfolgt rein analytisch und lässt sich im aktuellen Erleben einer Emotion so nur selten wiederfinden. Dennoch hilft die Definition, die Charakteristika der Emotionen zu beschreiben. In ihrer allgemeinen Form ist sie jedoch unbefriedigend, da sie nicht hilft, die unterschiedlichen Komponenten in Relation zueinander zu bringen. Schelp und Kemmler (1988) beschreiben Emotionen Therapieschulen übergreifend als Resultat intrapsychischer Prozesse:

„Ein wesentliches Ergebnis unserer Betrachtungen der Therapietheorien verschiedener Schulen (…) war, dass Emotionen als komplexe Phänomene aus dem Zusammenwirken verschiedener Strukturen und Prozesse entstehen, und zwar physiologischer, kognitiver und motorisch-expressiver Strukturen und Prozesse“

(Schelp & Kemmler, 1988, S. 148).

Insofern können Emotionen als übergeordnete Ordnungsschemata bezeichnet werden, welche dem Organismus helfen, die verschiedenen organismischen Reaktionen und Prozesse hinsichtlich eines Ereignisses zu integrieren. Das ermöglicht eine ganzheitliche Sichtweise von Emotionen, die den intrapsychischen Prozessen zeitlich nachgeordnet sind. Herausragende Bedeutung innerhalb der Emotion als ganzheitlichem Phänomen kommt der affektiven und der kognitiven Komponente zu.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht nehmen Piaget und Inhelder (1977) an, dass sich parallel zu der kognitiven Entwicklung des Kindes auch affektive Schemata herausbilden. Dabei setzt für Piaget und Inhelder das Erleben differenzierter Emotionen voraus, dass sich zuvor entsprechende kognitive Strukturen herausgebildet haben. Die Entwicklung der Emotionen folgt so einem Ausdifferenzierungsprozess, an dessen Anfang einfache Lust-Unlust-Empfindungen stehen und in dessen Verlauf Objekte mit Affekten besetzt werden. In den späteren Entwicklungsstadien spielen soziale Aspekte für die Affekte eine immer größere Rolle, deren Entwicklung mit dem Herausbilden eines moralischen Bewußtseins (mit der Gerechtigkeit als zentraler Norm) beendet ist. In der Entwicklungspsychologie Piagets wird damit deutlich, dass die kognitiven Schemata als die Voraussetzung für die Entstehung  bzw. Ausdifferenzierung von Emotionen angesehen werden. Ciompi (1982) interpretiert Piaget dahingehend, dass affektive und kognitive Komponenten untrennbar in sog. affektlogischen Schemata verbunden sind.

Nach Montada (1989) liegt den kognitiven Emotionsmodellen…

„(…) die Annahme zugrunde, dass Gefühle durch Erkenntnisse über die Realität (Ereignisse, Personen, Situationen) und über Bezüge zwischen Subjekt und diesen Realitäten gekennzeichnet sind.“

(Montada, 1989, S. 294) 

Je differenzierter demnach eine Person die Welt wahrnimmt, desto differenzierter ist auch ihr emotionales Erleben. Mit Hilfe der Emotionen erlangt eine Person somit Erkenntnisse über die eigenen Wahrnehmungen, das eigene Erleben und die Verhaltensmöglichkeiten. Über Emotionen (und Verhalten) lässt sich also ein Zugang finden, um das Denken und Fühlen von Schülerinnen und Schülern zu verstehen.