Dr. Stefan Seiler

 

Besonders Begabte mit einem IQ >130 sind selten (vgl. Basiswissen/Psychologisch/Modelle) und zeichnen sich in aller Regel durch Exzellenz in allen kognitiven Bereichen aus. Darüber hinaus gibt es Begabte, die nur in Teilbereichen hochbegabt sind. Fähigkeiten, die bei diesen Personen in aller Regel in besonderer Weise vorhanden sind:

 

  • logisch-mathematische Fähigkeiten,
  • sprachliche Fähigkeiten,
  • Empfindsamkeit,
  • geschärfte Wahrnehmungsfähigkeiten (auditiv, visuell, etc.),
  • gute Informationsverarbeitung,
  • scharfsinnige Interpretationen,
  • gute soziale Intelligenz und Kompetenz,
  • motorisches Geschick
  • künstlerische oder musikalische Fähigkeiten.

 

Sie  haben ein besonders leistungsstarkes Gehirn in allen Teilbereichen. Aufgrund ihrer besonders geschärften Wahrnehmungsfähigkeit nehmen sie ungünstige Entwicklungsbedingungen, erlebte Ungerechtigkeiten oder Fehlverhalten von Bezugspersonen besonders intensiv wahr und hinterfragen diese. So lässt sich vielleicht erklären, warum besonderen Begabungen eine Art Katalysatorwirkung zukommt in Hinblick auf psychische Probleme und Auffälligkeiten:

 

  • Ungünstige Lebensbedingungen beispielsweise können von besonders Begabten wie durch eine Lupe wahrgenommen werden, sodass sie zu einer entsprechenden – starken –(emotionalen) Reaktion und subjektiven Beeinträchtigungen führen. Erlebte Ungerechtigkeiten durch Erwachsene oder Peers werden von besonders Begabten vielleicht aber auch schneller entlarvt und führen – evtl. verstärkt durch besonders gute sprachliche Fertigkeiten – zu klaren und kompetenten Reaktionen, die ihrerseits wieder als Provokation verstanden werden können.

  • Problematische (eigene) Eigenschaften bzw. Persönlichkeitszüge können durch die besondere Begabung verstärkt werden, wie sich am Beispiel antisozialen Verhaltens zeigen lässt: So kann eine dissoziale Störung/Sozialverhaltensstörung gepaart mit hoher Intelligenz besonders schwerwiegend sein, weil die Intelligenz sehr effizient und effektiv für die Befriedigung der zugrundeliegenden Bedürfnisse und Motive eingesetzt werden kann, auch mit unangemessenen Mitteln.

  • Eine Angst- oder Zwangsstörung schließlich gepaart mit hoher Intelligenz kann deswegen besonders schwerwiegend sein, weil der Betroffene über besonders gute Fähigkeiten zur Antizipation von Ereignissen, eine besonders gute Imaginationsfähigkeit und über ein besonders reges, produktives Gehirn verfügt.

 

Wie auch bei normal Begabten ist der Schweregrad einer psychischen Störung immer vor dem Hintergrund der Ausprägung von Krankheitssymptomen einerseits und der Ausprägung von Ressourcen andererseits zu bewerten. Bei besonders Begabten können personelle Ressourcen besonders gut ausgeprägt sein, die problematischen Aspekte sind es aber unter Umständen ebenfalls.

Hinzu kommt, dass besonders Begabte sich von der frühen Kindheit an oftmals als „anders“ im Vergleich zu ihrer Peegruppe wahrnehmen. Sie bringen daher eine gewisse Anfälligkeit mit für soziale Ausgrenzung, Fremdheits- und damit einhergehende Einsamkeitsgefühle. Insofern leiden sie oftmals unter einem Mangel an einer der wichtigsten personalen Ressourcen: soziale Bindung und Nähe, die (auch) über die Identifikation mit anderen hergestellt wird.