Drucken

U. Becker 

„Begabung, Talent, Intelligenz, Kompetenz, Skills, Fähigkeiten, Fertigkeiten etc.“, mit dieser Aufzählung verdeutlichen E.Stern und A.Neubauer (Stern/Neubauer, 2013), wie viele Begriffe die deutsche Sprache zur Verfügung hat, um Unterschiede in der kognitiven  Leistungsfähigkeit von Menschen zu beschreiben. Das lädt zur Verwirrung ein, zumal wenn Eltern im Gespräch mit der Lehrkraft die besondere Begabung ihres Kindes auf dem Gebiet XY hervorheben oder auf eine getestete Hochbegabung hinweisen.

 1. Intelligenz

Das psychologische Konstrukt „Intelligenz“ ist für die meisten Experten, die sich mit Hochbegabung oder besonderer Begabung beschäftigen, ein wichtiger, unverzichtbarer Begriff. Er wird von allen mit diesem Thema befassten Wissenschaftlern verwendet. Einigkeit besteht hinsichtlich der Definition:

„Intelligenz ist die Fähigkeit, aus Erfahrungen Nutzen zu ziehen und das Gegebene in Richtung auf das Mögliche zu überschreiten.“ (Zimbardo,1995, S. 528).“

Intelligenz setzt sich zusammen aus

    1. der Anpassung an neue Situationen und sich verändernde Anforderungen,
    2. dem Lernen oder der optimalen Nutzung von Erfahrung oder Übung,
    3. dem abstrakten Denken und dem Gebrauch von Symbolen und Begriffen (vgl. Zimbardo, 1995, S. 533).

Es existieren jedoch unterschiedliche Intelligenz-Konzepte. Zwei deutlich konträre Ansätze sind z.B.:

Forscher, die sich mit dem Thema Hochbegabung beschäftigen, orientieren sich am zweiten Intelligenz-Ansatz. Für sie ist es wichtig, die Gruppe der Hochbegabten mit Hilfe von IQ-Tests, die auf der Basis kognitiver Modelle entwickelt worden sind, eingrenzen zu können. Für das Konzept der multiplen Intelligenz liegen keine Tests vor, die der empirischen Überprüfung standhalten.

Die statistische Definition legt fest, dass ein Mensch hochbegabt ist, wenn er im Intelligenztest einen Intelligenzquotienten (= IQ) von 130 oder mehr erreicht. Der statistische Mittelwert des IQs liegt bei 100. Wenn also die gemessenen kognitiven Fähigkeiten einer Person mindestens um zwei Standardabweichungen besser sind als beim Durchschnitt ihrer Altersgruppe, wird sie als hochbegabt bezeichnet.

Normalverteilung 700

 

Die Definition von Detlef Rost

Eine Person ist intellektuell ,hochbegabt‘, wenn sie

  • sich schnell und effektiv deklaratives und prozedurales Wissen aneignen kann,
  • dieses Wissen in variierenden Situationen zur Lösung individuell neuer Probleme adäquat einsetzt,
  • rasch aus den dabei gemachten Erfahrungen lernt und
  • erkennt, auf welche neuen Situationen bzw. Problemstellungen die gewonnenen Erkenntnisse transferierbar sind (Generalisierung) und auf welche nicht (Differenzierung). (Sparfeldt, Rost & Lemme, 2009, S. 4)

 

 2. Bewertung von Testergebnissen

Kritiker sehen Testergebnisse als willkürliche Festlegung, zumal bei allen psychologischen Testverfahren nur Wahrscheinlichkeitsaussagen gemacht werden können und damit auch nur ein Korridor benannt werden kann, in dem sich der wahre Testwert bewegt.

Auch der Zeitpunkt der Testung ist zu berücksichtigen. Eine Intelligenztestung im Vorschul- oder frühen Grundschulalter kann nur bedingt als langfristig zuverlässig betrachtet werden. Testwerte in IQ-Tests sind nach neueren Forschungen erst ab einem Alter von 11-12 Jahren so stabil, dass Prognosen bis ins Erwachsenenalter gewagt werden können.

Die besonderen Fähigkeiten eines Schülers oder einer Schülerin werden im Elterngespräch immer eine große Rolle spielen, eine Verengung allein auf das kognitive Potential verstellt allerdings den Blick auf andere Kompetenzen und Fähigkeiten, die das Kind schon und/oder darüber hinaus zeigt.

Aus pädagogischer Sicht ist der Wert, den ein Kind in einem Intelligenztest erreicht hat, nur ein Hinweis auf sein Potential und keine unveränderliche Größe. Damit sich das Potential zeigen kann, sind eine Vielzahl von Faktoren von Bedeutung, wie z.B.:

 

 3. Das Münchner Hochbegabungsmodell

Im Münchner Hochbegabungsmodell von Heller (Heller 2000) werden vier Variablenbereiche unterschieden: Begabungsfaktoren, Leistungsbereiche, nicht-kognitive Persönlichkeitsmerkmale und Umweltmerkmale. Das Modell verdeutlicht zum einen die Komplexität des Themas Begabung bzw. Hochbegabung, zum anderen zeigt z.B. die Aufschlüsselung der Moderatoren - als solche werden im Modell die nicht-kognitiven Persönlichkeitsmerkmale und die Umweltmerkmale bezeichnet -, welche Ansatzpunkte es bei der Förderung begabter Kinder geben könnte (siehe die Kästen in der ersten und letzten „Zeile“ des Modells).

hobe 700

 

4. Expertiseforschung

Ziegler (Ziegler, A. 2005, S. 411-434) entwickelte den Aktiotop-Ansatz pdf 

Ziegler postuliert, dass exzellente Leistungen in einzelnen Bereichen erst nach etwa 10.000 Stunden der Beschäftigung mit einer Domäne – z.B. dem Spielen eines Musikinstrumentes, der Einarbeitung von und die Auseinandersetzung mit einem wissenschaftlichen Fachgebiet – erbracht werden. Dafür werden durchschnittlich mehr als zehn Jahre benötigt. Begabungsförderung sollte deshalb so früh wie möglich beginnen, langfristig angelegt sein und durch eigens entwickelte und stets anspruchsvoller werdende Curricula sowie – von fachlich herausragenden und in Hinblick auf das Thema Begabung kompetenten – Mentoren begleitet werden.


Literatur